18. EEMO-Report: Neue Marktrealität erfordert innovative Geschäftsmodelle von Energieversorgern

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Anlagenbasierte Industrie entwickelt sich zu mehr Kundenorientierung und Service

Berlin, 01. November 2016 – Energieversorger stehen vor der Herausforderung, ihre Geschäftsmodelle in einem unsicheren Marktumfeld signifikant anzupassen und zukunftsfähig zu machen. Um zu bestehen, müssen die Akteure ihre digitale Transformation beschleunigen, um produktiver, agiler und innovativer zu werden und neue profitable Umsatzquellen zu erschließen. Dies ist das Ergebnis der 18. Ausgabe des jährlichen European Energy Markets Observatory (EEMO) Reports von Capgemini in Zusammenarbeit mit Teams von I4CE und VaasaETT. Der rapide Anstieg der erneuerbaren Energien in der Erzeugung führt weiterhin zu starker Volatilität und niedrigen Preisen auf den Energiegroßhandelsmärkten – nicht selten sogar unter den Erzeugungskosten. Diese andauernde Entwicklung setzt insbesondere etablierte Versorgungsunternehmen unter Handlungsdruck, so der aktuelle Report.

 

Andreas Weiler, Leiter Energiewirtschaft Zentraleuropa bei Capgemini Consulting: „Die Geschwindigkeit beim Ausbau erneuerbarer Energien wurde lange Zeit von regionalen, politischen Zielsetzungen vorgegeben und nicht danach ausgerichtet, wo die Investitionen am meisten gebraucht wurden. Wir müssen den technologischen Fortschritt weiter vorantreiben und wettbewerbsfähige Speicher wie Batterien entwickeln, um produzierte Energie optimal zu nutzen.“

 

Die neue Ausgabe des European Energy Markets Observatory (EEMO) Report kommt zu folgenden drei Kernergebnissen:

 

  1. Der Preisverfall bei den erneuerbaren Energien ist noch nicht beendet

In den letzten zwölf Monaten sind die Erzeugungskosten im Bereich erneuerbare Energien kontinuierlich gefallen: Während die Erzeugungskosten für Onshore-Wind bereits wettbewerbsfähig werden, fallen sie für Offshore-Wind-Anlagen zum ersten Mal unter den Schwellenwert von 87 Euro pro Megawattstunde. Die Preise für Photovoltaikanlagen sind auf ihren historisch niedrigsten Stand gefallen, eine weitere Senkung von circa 20 Prozent in den nächsten drei Jahren wird erwartet. Investitionen in erneuerbare Energien erreichen in Europa inzwischen 750 Milliarden Euro, ein Viertel des gesamten globalen Investments, bei einer Einwohnerzahl, die lediglich sieben Prozent der Weltbevölkerung ausmacht. Das verdeutlicht die europäische Entschlossenheit, diese Technologien einzusetzen, auch wenn sie nicht immer wettbewerbsfähig sind. Die notwendigen Zuschüsse hierfür werden vom Endverbraucher in Form von besonderen Steuern und Abgaben finanziert. In Deutschland machen erneuerbare Energien ein Drittel der gesamten Stromproduktion aus. Dabei wird der deutsche Endverbraucher im kommenden Jahr über 22 Milliarden Euro für die sogenannte EEG-Umlage zahlen. Zusammen mit der KWK- und Offshore-Umlage macht dies 25 Prozent des Strompreises für Haushaltskunden aus.

 

  1. Starke Volatilität und niedrige Preise auf den Energiegroßhandelsmärkten zwingen Energieversorger zu beschleunigter Transformation

Das Wachstum der Erneuerbaren in einem Markt mit Überkapazitäten und niedrigen Öl- und Gaspreisen führte zu einem massiven Verfall der Preise am Energiegroßhandelsmarkt. Diese erreichten Anfang 2016 ihren Tiefpunkt mit 22 Euro pro Megawattstunde verglichen mit durchschnittlich 40 Euro pro Megawattstunde im Jahr 2015. Durch den Vorrang der Erneuerbaren Energien in der Merit-Order sehen sich Energieversorger zunehmend gezwungen – wie auch schon in vergangenen Jahren – Gas- und Kohlekraftwerke stillzulegen, die zu selten in Betrieb waren. So werden in diesem Jahr sieben Gigawatt installierte Leistung aus dem Markt genommen, die zu den 10,7 Megawatt aus dem Jahr 2015 noch hinzukommen. Der Wegfall dieser Kapazitäten, die auch zur Abdeckung von Lastspitzen genutzt werden, kann zu Risiken in der Versorgungssicherheit führen.

 

In Folge dessen hat sich die finanzielle Situation der Versorgungsunternehmen verschlechtert. Die zwei größten deutschen Energiekonzerne E.ON und RWE teilen ihr Kerngeschäft auf: Konventionelle Stromerzeugung und -handel auf der einen Seite und erneuerbare Energien, Energienetze, Vertrieb und Services auf der anderen Seite. Ob diese Maßnahme zum Erfolg führt, muss sich erst noch zeigen.

 

Es ist wichtig, dass die Energieversorger ihre Geschäftsmodelle an die tiefgreifenden Veränderungen im Markt anpassen. Dezentralisierung der Produktion, ein gestiegener Anteil an erneuerbaren Energien, neue Bedürfnisse der Konsumenten sowie der Eintritt neuer Unternehmen in den Markt sind nur einige Beispiele für diese Entwicklungen. Energieversorger müssen ihre Unternehmensstruktur vereinfachen und ihre digitale Transformation forcieren. So können sie die Produktivität steigern, neue profitable Einkommensquellen entwickeln und innovativer und agiler werden“, so Andreas Weiler.

 

  1. Durch die Energiewende entstehen neue, dezentralisierte Produktions- und Verbrauchsmodelle, die Netzbetreiber vor Herausforderungen stellen

Die Netzbetreiber stehen vor der Aufgabe, die volatile, dezentrale Stromeinspeisung, die durch den gestiegenen Anteil an erneuerbaren Energien immer mehr Gewicht erhält, und den naturgemäß variablen Verbrauch auszubalancieren. Durch den zunehmenden Anteil an dezentral erzeugtem Strom, der nur teilweise selbst verbraucht wird, kann die Spannungsqualität des Netzes zeitweise beeinträchtigt werden. Um dem vorzubeugen, müssen die Netzbetreiber in Smart Grids investieren. Sie setzen hierfür auf Speichertechnologien, um Nachfrage und Angebot im Stromnetz auszugleichen. Obwohl Batterien als Speicherform grundsätzlich teuer bleiben, fällt der Preis für Lithium-Ionen-Batterien stetig, was sie zukünftig zu einer ernstzunehmenden Lösung macht. Eine zweite Möglichkeit, um Angebot und Nachfrage auszugleichen, ist eine Flexibilisierung des Verbrauchs: Wenn erneuerbare Energien gerade viel Elektrizität erzeugen, werden die niedrigen Produktionskosten durch Preissignale an die Verbraucher weitergegeben.

„Netzbetreiber nehmen eine immer zentralere Rolle im Markt ein. Die Integration und Steuerung von EEG-Anlagen, der Einsatz intelligenter Stromzähler und die Nutzung riesiger Datenmengen, die aus diesen gewonnen werden können, sind zentrale Handlungsfelder. Netzbetreiber werden mittel- bis langfristig zu Datendienstleistern“, führt Andreas Weiler weiter aus.

 

Der Report kommt zu folgendem Schluss: Die Europäische Union muss den Prozess bei den nötigen Reformen beschleunigen, besonders im Zertifikatehandel und bei der Förderung erneuerbarer Energien. Zusätzlich müssen sich die führenden Energieunternehmen ihrer notwendigen Transformation stellen, offen für Innovationen sein und neue Geschäftsmodelle entwickeln, um profitable Einnahmequellen zu schaffen.

 

Über den Report

Der European Energy Markets Observatory ist eine jährliche Veröffentlichung von Capgemini, der die Fortschritte der Europäischen Union bei der Schaffung eines offenen und wettbewerbsfähigen Strom- und Gasmarkts in Europa und die Entwicklungen und Veränderungen in diesen Bereichen verfolgt. Die 18. Ausgabe bezieht sich auf zahlreiche öffentlich zugängliche Datenquellen und die aktuellsten Datensätze aus dem Jahr 2015 und dem Winter 2015/2016. Die Forscher-Teams des I4CE (Institut für Klimaökonomie) und von VaasaETT steuern ihre Expertise in den Bereichen Herausforderungen des Klimawandels und Verbraucherverhalten bei.

Mehr Informationen und den vollständigen Report erhalten Sie unter: www.de.capgemini.com/eemo