Digital Transformation Blog

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Innovation made in Germany (Teil 2)

Traditionelle Unternehmen müssen ihre Geschäftsmodelle in die neue Ära der industriellen Revolution überführen, um ihre Marktposition behaupten zu können – mehr dazu in Teil 1. Gründer von Start-ups versuchen indes Marktlücken und veraltete Geschäftsmodelle ausfindig zu machen und diese durch Digitalisierung oder Innovationen zu revolutionieren. Um als Start-up hierbei erfolgreich zu sein, braucht es einiges an Unterstützung.

„You can`t manage what you can`t measure“

Die deutsche Gründerszene orientiert sich traditionell stark an Messbarkeit und Kennzahlen. So ist hierzulande der Investorenpitch von Zahlen und Finanzplänen bestimmt. Geldgeber möchten in erster Linie ein vernünftiges Investment tätigen, das Verhältnis von Risiko zu Realismus muss stimmen. Diese Korrelation scheint im Valley dagegen nicht zentral zu sein. Auf der Suche nach dem nächsten großen Wurf unterstützen Investoren insbesondere Ideen, die sich in neuartigen Gebieten bewegen und hochgradig risikobehaftet sind. Gerade diese Ideen münden häufig in Disruption und Innovation. Andy Bechtolsheim, einer der ersten Investoren von Google und deutscher Auswanderer erklärt seine Risikobereitschaft als Resultat der amerikanischen Leichtigkeit: „I didn’t even know what I was investing in, I thought it was a search engine. But it really is an advertising company“.

Systematisch gewinnt das Valley durch die hohe Dichte an Business Angels, Venture Capitalists (VCs) und Investoren an Vorsprung. Neben den finanziellen Mitteln können Ventures bereits in der Early-Stage-Phase vom bedeutsamen Know-how der Kapitalgeber profitieren. In Deutschland sind Acceleratorenprogramme großer Unternehmen auf dem Vormarsch, die versuchen, erfahrene Gründer mit jungen Unternehmern in einem digitalen Umfeld zusammenzubringen. So unterstützen Axel Springer Plug & Play Accelerator, Deutsche Bahn DB Mindbox, Oetker Digital, Telekom Hub:Raum oder das SpaceLab von Media Markt und Saturn den Versuch, die Nähe zum Markt zu wahren, schaffen es bisher jedoch selten, die Unternehmen deutlich innovativer oder kreativer zu machen oder die Produktpalette entscheidend zu erweitern.

Infrastruktur ist das A und O

Auch wenn digitale Geschäftsmodelle schwer zu clustern sind, fällt auf, dass im Silicon Valley überwiegend mittelständische und Großunternehmen zu finden sind, die das Stadium eines Start-ups bereits klar hinter sich gelassen haben (wie z.B. Slack mit einem Funding in Höhe von 340 Millionen Dollar). An der Westküste entstehen seit Jahren die neuesten Generationen von Software, Hardware und künstlicher Intelligenz. Treibende Kraft hierfür ist auch die Nähe zu den Unis mit Topabsolventen. Auf die Generation der „Digital Natives“ folgt die Spezies der „Electronic Natives“, die in Sachen künstlicher Intelligenz – und ganz besonders im Hinblick auf das maschinelle Erlernen von Emotionen – Dinge bewerkstelligen, die sich der Vorstellungskraft der meisten Menschen entziehen. Neben der hohen Zahl an Topabsolventen finden sich im Valley auch eine hohe Dichte an Co-Working Spaces und Geldgebern.

Peter Thiel, Co-Founder von Paypal und erster professioneller Investor von Facebook, bezeichnet den größten Vorteil des Valleys als Resultat der sagenumwobenen „Kultur des Scheiterns" auf Seiten der Gründer, aber vor allem auch auf Seiten der Geldgeber. Wie in seiner Bibel für Gründer „From Zero to One“ festgehalten, gleicht ein erfolgreiches Venture den Misserfolg aller anderen Start-ups im Investor-Portfolio aus. Daher ist auch die Bereitschaft größer, hohe Summen zu investieren, um von exponentiellen Skaleneffekten zu profitieren. So haben VCs im vergangenen Jahr rund 27.500 Millionen US-Dollar in Start-ups im Silicon Valley und lediglich 778 Millionen Euro in Deutschland investiert. Während Investoren in Deutschland gerne ihr Risiko mit kleinen Investments bei vielen Ventures zu reduzieren versuchen, sitzt das Geld bei amerikanischen Investoren offenbar lockerer.

Ein Nachteil des Silicon Valleys besteht in der hochpreisigen Infrastruktur, insbesondere im Norden der Bay Area, in San Francisco. Während der durchschnittliche Bewohner San Franciscos heutzutage im Schnitt 3.590 US-Dollar für eine Einzimmerwohnung zahlt, trägt der Berliner mit durchschnittlich 430 Euro pro Monat nur einen Bruchteil dessen. So sind die in Mark Zuckerberg und Evan Spiegel verkörperten Prototypen von Gründern schon lange nicht mehr in San Francisco selbst anzutreffen, sondern vielmehr an den Universitäten, im Silicon Valley, rund 70 Kilometer von der Metropole entfernt, oder in Städten, die noch nicht von Start-ups überlaufen sind wie zum Beispiel Austin, Texas. Viele finanziell klamme Start-ups bereisen San Francisco ausschließlich mit dem Ziel, sich die benötigte Finanzspritze abzuholen.  Dennoch bleibt gerade das Silicon Valley ein Ort der Superlative: Allein der Internetgigant Google verbraucht mit 5.7 Terawattstunden jährlich für den Betrieb seiner Server so viel Energie wie ganz San Francisco.

Vorsprung durch Technik

Evolutionär ist die Spezies des Gründers in Amerika dem europäischen Homo Gruenderus davongeeilt. In Berlin stehen auf den Visitenkarten der Gründer vornehmlich Geschäftsmodelle im Bereich Consumer Goods und E-Health oder sie kopieren ihre Geschäftsideen von amerikanischen Unternehmen. In San Francisco gibt es deutlich mehr Gründer, die sich mit neuen Technologien befassen. Von 1.000 Start-ups weltweit, die sich mit Artificial Intelligence (AI) befassen, sitzen 500 in Amerika, in Deutschland lediglich 60. Selbstfahrende Autos von Google, Apple und Tesla begegnen Einwohnern und Touristen als staatlich lizensierte Erlkönige auf den Straßen. Amazon verprobt die Drohnenzustellung und bewirbt diese im Finale des SuperBowls. Und Elon Musk‘s SpaceX und Hyperloop stehen vor der nächsten Revolution der Passagierbeförderung. Technologischer Fortschritt ist stets Nährboden für die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle, hiervon können die Gründer im Valley profitieren.

Dieser Fortschritt wird ferner von einer Legislative unterstützt, die durch die Auflockerung von Richtlinien und Gesetzen die schnelle Weiterentwicklung zum Beispiel beim Testen technologischer Innovationen fördert. Während in Amerika Testflüge für Drohnen erlaubt sind, benötigen Unternehmen wie die Deutsche Post oder Amazon hierzulande auch für kleine Testflüge eine behördliche Genehmigung, die nur mit hohem Aufwand zu bekommen ist. Eine führende Rolle haben Deutschland und Europa insbesondere bei Themen wie Regulierung und Datenschutz. Schnelle Innovationen werden hier – meiner Meinung nach – durch eher konservative Sichtweisen und Regularien behindert. Der tägliche Transport im Silicon Valley läuft mit Uber, Lyft oder Cabify reibungslos und nicht in erster Linie über die öffentlichen Verkehrsmittel. Während das Geschäftsmodell der Personenbeförderung in Privatfahrzeugen in Deutschland durch die Gerichte gestoppt wurde, ist die Shared Economy in Amerika bereits ein vergleichsweise fester Bestandteil der Gesellschaft. Didi-Kuaidi, der chinesische Clon von Uber, zählt zu den wertvollsten Start-ups der Welt. Und auf Basis solcher Geschäftsideen entwickeln sich dann neue Geschäftsmodelle rasant: Uber zum Beispiel übernimmt mit den Fahrzeugen auf der Straße seit dem erfolgreichen Testlauf in Sydney nun auch Essenslieferungen in Minutenschnelle mit „Uber Eats“. Ebenso sind erste autonome Fahrzeuge von Uber in der Bay Area und Pittsburgh auf der Straße im Test unterwegs.

Wird Berlin also jemals das neue Valley?

Obgleich die Grenzen durch zunehmende Vernetzung und Globalisierung immer mehr in den Hintergrund treten, bleibt festzuhalten, dass digitale Geschäftsmodelle im Valley einen strukturbedingten Vorteil genießen. Bedingt durch Know-how, technische Versiertheit und durch die unterstützende Legislative gelingt es Gründern, überaus innovative und disruptive Geschäftsmodelle zu entwickeln. Imposante Unternehmenssitze mit Fitnessstudios, Restaurants, Bars und Cafes, die während der Arbeitszeit genutzt werden – wie etwa das LinkedIn Office in San Francisco – zeugen von Erfolg und einer gefestigten Innovationskultur, die bei vergleichbaren Unternehmen in Deutschland noch nicht anzutreffen ist.

Während sich die Gründer im Valley auf die Realisierung ihrer Ideen konzentrieren, sind ihre deutschen Pendants überwiegend kennzahlenorientiert. Forschung und Wissenschaft werden in Deutschland historisch großgeschrieben. Das unternehmerische Handeln wird indes in Amerika bereits universitär, mithin institutionell, stärker gefördert.

Der Vorteil Berlins liegt im Vergleich dazu in der Kostenstruktur. Günstige Wohnungen, preiswerte Anbindungen und niedrige Unterhaltskosten locken Talente aus dem In- und Ausland und erinnern an das Valley von vor zehn Jahren. 

Noch aber gilt: Wenn an einem Ort Spezialisten mit komplementären Profilen auf engstem Raum zusammenkommen, steigt dessen Attraktivität für Mitstreiter und Nachfolger unvermeidlich. Diese Anziehungskraft auf Tech-Pioniere, Start-up-Gründer und angehende Großunternehmer hat bis dato nur das Valley entwickelt; Berlin könnte aber durchaus aufholen.

Über den Autor

Robin Rohrmann
Robin Rohrmann
Robin is a Consultant specializing in Digital Transformation of Banks. Due to his high passion for digital trends, innovation and entrepreneurship Robin habitually scans the market for new business models. Robin’s desire is to support businesses to transform digitally and invent opportunities in what many refer to as challenges of the industrial revolution. On client side Robin offers a great set of business management tools from his former experience at Europe’s biggest incubator for start-ups.

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