Digital Transformation Blog

Digital Transformation Blog

Opinions expressed on this blog reflect the writer’s views and not the position of the Capgemini Group

Innovation made in Germany (Teil 1)

Die Welt befindet sich im digitalen Wandel. Immer schnellere Produkt- und Servicelebenszyklen, technische Disruptionen und von der schnell wachsenden Start-up-Szene getriebene Innovationen bestimmen zunehmend die Entwicklungen und wirtschaftlichen Erfolge der Zukunft. Oft richtet sich der Blick ins amerikanische Silicon Valley – der Ursprung vieler digitaler Innovationen. In welchen Bereichen kann Deutschland hier aufholen?

Innovationen in Deutschland: Eine Bestandsaufnahme

Der wirtschaftliche Wohlstand in Deutschland basiert auf den traditionellen Industrien wie Maschinen- und Anlagebau, Automobilindustrie, Energietechnik, Chemie sowie Luft- und Raumfahrt. Gelingt es nicht diese Industrien in die nächste Phase der wirtschaftlichen Entwicklung zu überführen, wird Deutschland von Ländern mit einer fortschrittlichen Digitalisierungsstrategie überholt. Die digitale Transformation der Industrie birgt zahlreiche Potenziale, die eine Studie des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) bis 2025 auf 1,25 Billionen Euro beziffert. Um diese zu heben, müssen die Unternehmen die Möglichkeiten, die sich durch eine vernetzte, effizientere Produktion und  die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle ergeben, trotz regulatorischer Hindernisse und Datenschutz-Auflagen nutzen.

Nur Firmen, die es schaffen ihr Geschäftsmodell stetig neu zu erfinden und durch den Einsatz neuer Technologien weiterzuentwickeln, können sich in der heutigen Zeit behaupten.

Was passiert, wenn Unternehmen das Potenzial und die Gefahr dieser Entwicklung verpassen, zeigt folgendes Bild:  90 Prozent der amerikanischen Unternehmen, die vor 50 Jahren unter den Fortune 500-Firmen gelistet waren, haben ihre Stellung eingebüßt. Ähnlich ist es um deutsche Unternehmen bestellt. Der deutsche Softwarehersteller SAP schafft es erstmals als Spitzenreiter deutscher Unternehmen auf Platz 60 der teuersten Unternehmen weltweit, wohingegen Siemens und Bayer jährlich Plätze einbüßen. So überrascht es nicht, dass Paypal durch seine Marktkapitalisierung einen höheren Wert als die fünf größten börsennotierten Banken in Deutschland erzielen konnte. Unter den wertvollsten Firmen der Welt finden sich indes zunehmend junge Unternehmen wie Start-ups oder Venture Capitalists. Inbesondere  Uber, Amazon oder der chinesische Handyhersteller Xiaomi stehen sinnbildlich für den Erfolg der industriellen Revolution und die entsprechende Transformation bestehender Branchen (Transport, Retail, Elektronik).

In Deutschland klagen große Unternehmen über komplexe Prozesse und innerpolitischen Dissens, der eine Entwicklung im Tempo des Marktes häufig erschwert. So sind viele Unternehmen nicht in der Lage, neue Ideen in einem kurzen Zeitraum zu realisieren. Eine Studie von Capgemini in Kooperation mit dem Massachusetts Institute of Technology (MIT) belegt, dass Unternehmen mit einem hohen digitalen Reifegrad (u.a. mit einer klaren digitalen Vision u. hohen Investitionen in digitale Fähigkeiten) im Durchschnitt um 26% profitabler sind als Unternehmen mit einem niedrigen digitalen Reifegrad.

Ein Wunschdenken: Das Silicon Germany

Digitale Fortschritte im deutschen Alltag sind rar. Das betrifft in erster Linie nicht  Dienstleistungen und Serviceangebote, die der Annehmlichkeit dienen (wie die aktuelle Ausführung des Amazon Echos), sondern grundlegende, alltägliche Geschäfte, deren Abwicklung durch den Einsatz neuer Technologien Kosten und Zeit sparen würden. Eine schnelle Adaption von technischen Entwicklungen könnte folgende Branchen nachhaltig verbessern:

(1)   Finanz- und Bankwesen

Technisch ist es Banken möglich, Geldbeträge in einem Bruchteil von Sekunden auf ein anderes Konto gutzuschreiben, die Kontoeröffnung bequem von zu Hause über das Smartphone zu ermöglichen – ein Beispiel hierfür ist das Berliner Fintech N26, das durch dieses Angebot seit seinem Start im Jahr 2015 bereits mehr als 200.000 Bankkunden gewinnen konnte. Zur Identifizierung eines Kontos nutzt PayPal seit rund 15 Jahren die einzigartige Mailadresse einer Person. Hingegen fordern Banken aktuell eine 22-stellige IBAN Nummer für jede Überweisung. Das Start-up TransferWise bietet Auslandsüberweisungen in Echtzeit an und Kunden sparen gegenüber dem Bankangebot rund 60 Prozent der Gebühren. Die vielseitigen Zahlungsmöglichkeiten wie AlibabaPay, Amazon Payments oder ApplePay stehen im bargeldfokussierten Deutschland nur selten zur Verfügung. So akzeptieren Taxi-Fahrer zum Beispiel oft nur Bargeld. Schweden verfolgt das ambitionierte Ziel, Bargeld bis 2021 vollständig abzuschaffen, so finden sich in Malmö bereits Cafés mit der Aufschrift „no cash accepted“.

(2)   Reise- und Transportsektor

Ein Blick auf die letzten 30 Jahre in Deutschland zeigt eine konstante Nutzung von Auto, Fahrrad und Bus. Heute drängt die Reduzierung des CO2-Ausstoßes bei zunehmendem Bedarf an Mobilität in den Städten den Transportsektor  zu einem Umdenken. Die Shared Economy mit Konzepten wie DriveNow von BMW/Sixt und Car2Go von Daimler/Europcar (Car-Sharing), Emmy oder Coup (Scooter-Sharing) erfahren großen Zuspruch. DriveNow und Car2Go vereinen mittlerweile rund drei Millionen Kunden auf ihre Plattformen und konnten jeweils ihre Kundenbasis um rund 40 Prozent zum Vorjahr erhöhen. Tesla plant aktuell die Etablierung eines eigenen Carsharing Services für die Käufer seiner Fahrzeuge: Wenn man als Tesla-Besitzer sein Fahrzeug nicht benötigt, kann man es über einen Klick in einer App für andere Nutzer auf der Tesla Carsharing Plattform zur Verfügung stellen.

Uber und Lyft sind aus dem Alltag im Valley nicht wegzudenken. Mit 5,5 Millionen Fahrten pro Tag haben die privaten Chauffeure den urbanen Verkehr nachhaltig revolutioniert. In Deutschland scheitert das Geschäftsmodell bislang an der fehlenden Personenbeförderungslizenz privater Fahrer, zur Freude traditioneller Taxiunternehmen.  

Auch die Luftbranche erfährt durch Flugunternehmen wie Richard Branson‘s Virgin Atlantic nachhaltige Veränderungen und setzt zunehmend auf den Einsatz neuer Technologien. So ermöglichen die ersten Airlines den Check-In ohne die Eingabe eines Buchungscodes und kommunizieren mit Ihren Fluggästen am Gate mithilfe der Beacon Technologie.

(3)   Logistik

Auch die Logistikbranche wird durch Start-ups nachhaltig aufgemischt. Im Speditionsgeschäft sind Flexport, UShip, Uber Freight oder Freighthub die neuen Konkurrenten von DHL, DB Schenker und Dachser. Die Start-up-Unternehmen verstehen es, das fragmentierte Speditionsgeschäft komplett zu digitalisieren und bringen durch eine bisher nicht bekannte Menge an Daten Transparenz in das Transportgeschäft. Bis zum heutigen Tag sind Investments in Höhe von elf Milliarden Euro in die benannten Start-ups bekannt. Die Digitalisierung der bisherigen Marktführer läuft indes schleppend. Bis auf einzelne Kooperationen mit Start-ups sind Aktivitäten hinsichtlich Digitalisierung rar gesät.

Auch Rocket Internet, Deutschlands größter Inkubator für Start-ups, bedient zunehmend Märkte, die die urbane Logistik betreffen. Durch die Hinzunahmen von Technologie werden so Freikapazitäten in unterschiedlichsten Branchen an Kundenbedürfnisse ausgerichtet. So bietet Rocket Internets Foodora einen innerstädtischen Lieferservice auf Fahrrädern für Restaurants, die keinen hauseigenen Lieferservice besitzen, an;  ZipJet holt Textilien zur Reinigung bei Privathaushalten ab und lässt diese von Textilreinigungen waschen.

(4)   Automobilindustrie

Zahlreiche Initiativen wurden bereits gestartet, um mit den schnelllebigen Innovationen der Automobilbranche Schritt zu halten. In verschiedenen Bereichen können Kunden digitale Innovationen erleben: Der Kofferraum wird zur Paketstation, Connected Cars werden zum Wohnzimmer und Zusatzservices lassen sich on-demand bestellen. Bei der Entwicklung autonomer Fahrzeuge scheinen sich die Technologieunternehmen wie Google, Uber, Amazon und Tesla einen deutlichen Vorteil erarbeitet zu haben. Fraglich bleibt, ob die mangelnde Erfahrung im Bereich der Fahrzeugfertigung von Nachteil sein wird.

Gerade im Innenraum der Fahrzeuge können deutsche Automobilhersteller die Lücke durch technologische Aufrüstungen schließen. Für das Aufspielen aktueller Karteninhalte zur Navigation werden bisweilen hohe Preise veranschlagt. Um die neuste Software im Fahrzeug zu erhalten, ist indes der Kauf eines Neuwagens meist unabdingbar, während Tesla seinen Nutzern Software Updates kostenfrei zur Verfügung stellt.

Viele Unternehmen tun sich schwer, mit dem Tempo der Digitalisierung Schritt zu halten. Start-ups hingegen sind flexibel und müssen nicht auf gewachsene Strukturen Rücksicht nehmen. Ein weiteres Hemmnis deutscher Innovation ist die Regulatorik: Der Deutsche Hotelverband und Wohnungseigentümer setzen gerichtliche Verbote gegen AirBnB durch, Taxi Gewerkschaften manifestieren ihre Position durch Untersagungen von Transport-Plattformen wie Uber und Lyft und vier Bundesministerien heben ihren Finger, wenn es um die Zuständigkeit für Digitalisierung geht. Ein zentrales Bundesdigitalministerium gibt es nicht.

Im Folgeartikel wird komparativ beleuchtet inwiefern kulturelle und strukturbedingte Aspekte den Machern im Silicon Valley (respektive Amerika), einen Vorteil gegenüber Gründern in  Berlin (respektive Deutschland) gewähren.

Über den Autor

Robin Rohrmann
Robin Rohrmann
Robin is a Consultant specializing in Digital Transformation of Banks. Due to his high passion for digital trends, innovation and entrepreneurship Robin habitually scans the market for new business models. Robin’s desire is to support businesses to transform digitally and invent opportunities in what many refer to as challenges of the industrial revolution. On client side Robin offers a great set of business management tools from his former experience at Europe’s biggest incubator for start-ups.

Kommentar hinterlassen

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind mit einem * gekennzeichnet.