Digital Transformation Blog

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Industrie 4.0 auf der Hannover Messe 2015: „Masse statt Klasse?“

Kategorie: Industrie 4.0

Der Besucher der vor kurzem zu Ende gegangenen Hannover Messe 2015 konnte nicht übersehen, dass Industrie 4.0 als DAS Topthema in aller Munde war. Unabhängig vom Sektor zeigte sich ein beeindruckender Durchdringungsgrad – in der Breite – unter den 6.500  Ausstellern. Versuchen wir uns zunächst an einer Bestandsaufnahme: Wie sieht der Status quo aus, gingen die gezeigten Trends über ein bloßes Kratzen an der Oberfläche der Thematik hinaus?

Angesprochen auf ihre Lösungen zu Industrie 4.0 hatten die meisten der besuchten Messestände, beispielsweise im Bereich „Digital Factory“ und „Industrial Automation,“ die folgenden zwei Angebote im Portfolio: Connected Devices und Condition Monitoring/Predictive Maintenance Lösungen. Im Fokus dieser nun doch bereits in der Industrie etablierten Ansätze stand somit deren konkrete Implementierung. Bezüglich der ans Internet of Things angebundenen „Dinge“ stellten Softwarehersteller wie SAP oder PTC, aber auch Bosch und Siemens IoT-Gateways als Plattformen für deren Anbindung an die Unternehmensinfrastruktur vor. Weiterhin beklagt wurden allerdings fehlende globale Standards (verständlicherweise), so dass sich bislang keine einheitliche ‚Best Practice‘ durchgesetzt hat. Hier kocht also jeder noch sein eigenes Süppchen. Hinsichtlich von Predictive Lösungen lautet das Fazit aber wirklich: Marktreife auf der Produktebene. So wurden bereits ab 2.500€ Standard-Ausstattungen inkl. Sensorik, Controller, Connectivity und zugehöriger Software für „Einsteiger-Monitoring“ angeboten zur Aufrüstung des bestehenden Maschinenparks.  Um in Echtzeit Warnungen zum bald bevorstehenden Ausfall einer beliebigen Maschinenspindel gesendet zu bekommen reicht also eine vergleichbar niedrige Investition aus. Auch die Visualisierung dieser Daten zum Maschinenzustand ist dank standardmäßig vorhandener, moderner Dashboards über die oben angesprochenen Plattformen höchst anschaulich im Produktionsalltag der Industrie angekommen.

Wo aber stehen wir auf dem Weg zur Industrie 4.0?
Wenn wir nun versuchen, weiter zu denken und ein Resümee bezüglich der bereits getätigten Schritte zu einer Industrie 4.0 hin zu ziehen, lässt sich festhalten: Die Relevanz der Digital Transformation der produzierenden Industrie wurde von der Breite aufgegriffen und erkannt, was sich durch die Vielzahl der Angebote für zielgerichtete Applikationen und punktuell wertsteigernder Lösungsansätze zeigte. Was aber noch fehlt, ist ein umfassenderer Ansatz, eine konkrete Vision zur Digitalisierung die über diese zum Teil schon etablierten Punktlösungen hinausgeht. Industrie 4.0 erfordert eine ganzheitliche Betrachtung des Unternehmens anhand einer digital getriebenen Strategie. Viele Aussteller betonen eine Öffnung gegenüber digitalen Geschäftsszenarien – die doch erstaunliche Einheitlichkeit der gezeigten Lösungen mit nur einigen wenigen hervorstechenden, wirklich differenzierten Ansätzen, lässt aber gleichzeitig darauf schließen, dass viele Hersteller sich noch in einer Phase des „Herantastens“ befinden. Die Potenziale entlang der gesamten Wertschöpfungskette jenseits einzelner Stand-alone-Lösungen werden, so scheint es, erst in geringem Maße und nur von einigen wenigen „Vorreitern“ erkannt: den zukünftigen Gewinnern des Wandels hin zu digitalisierten Industrie?


Der Grundstein für eine über wenige Initiativen hinausgehende Digital Transformation muss mit der Schaffung der notwendigen organisatorischen Grundlagen gelegt werden. Von Relevanz ist beispielsweise die Schaffung einer Governance für die Digitalisierung ganzer Wertschöpfungsabläufe im Unternehmen, in Einzelfällen sicherlich auch die Ernennung eines Chief Digital Officers (CDO). Durch eine entsprechende Entwicklung der (Human-)Ressourcenausstattung kann sich die Industrie für die bevorstehenden Veränderungen wappnen. Allein aus diesen beiden Gesichtspunkten muss ‚Industrie 4.0‘ oben auf der Agenda der Unternehmensführung stehen.

Der Fokus der Hannover Messe 2015 lag sicherlich auf dem Aufzeigen von konkreten Anwendungsfällen. Weitaus zu kurz kam der jedoch eigentlich interessante Aspekt: der konkrete Nutzen der vorgestellten Technologien und Anwendungen. Die Wertmaximierung durch eine übergreifende digitale Strategie und deren kohärente Umsetzung wird noch weitaus deutlicher ins Zentrum der Diskussion rücken müssen und konkrete Erfolge messbar gemacht werden.
Fazit: Einmal mehr hat sich gezeigt, dass Industrie 4.0 weder ein Hype noch eine Marketingstrategie ist.   Das Fundament für den Beginn einer neuen Ära ist gelegt, die Möglichkeiten zur Digital Transformation sind nun für alle Unternehmen in greifbarer Nähe. Um es mit den Worten von Dr. Jochen Klöcker, Mitglied des Vorstandes der Deutschen Messe AG zu sagen: "Industrie 4.0 ist in der Gegenwart angekommen. Dass dies für sämtliche Branchen gilt, ist in Hannover mehr als deutlich geworden." Trotzdem muss konstatiert werden, dass es starke Unterschiede hinsichtlich der Kompetenzen weniger Impulsgeber und der breiten Masse in dieser Transformation gibt.
Um in dieser wahrscheinlich entscheidenden – und das ist meine persönliche Überzeugung, aber man wird es sicherlich nur rückblickend wirklich objektiv beurteilen können – Phase der Transformation langfristige Wettbewerbsvorteile oder gar die Unternehmensexistenz zu sichern, muss Industrie 4.0 schon heute Teil unternehmerischer Zukunftsvision und –Strategie sein. Nächstes Jahr wird sich dann vielleicht noch deutlicher zeigen, wer die sich bietenden Chancen wirklich genutzt hat. Ich jedenfalls bin gespannt!
Mehr zum Thema Industrie 4.0 auch im IT Trends Blog unter https://www.de.capgemini.com/blog/it-trends-blog/industrie-40-cio

Über den Autor

Andreas Kern
Andreas Kern
Andreas Kern ist Berater im Industriesektor Manufacturing bei Capgemini Consulting. Sein Interessenschwerpunkt liegt im Bereich der Digitalisierung der industriellen Wertschöpfung und damit verbunden in der Entwicklung gewinnbringender Strategien sowie deren Umsetzung für die produzierende Industrie im digitalen Zeitalter.

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