Digital Transformation Blog

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Revolutioniert Shareconomy die Wirtschaft?

Es ist ein später Sonntagnachmittag im Hochsommer 1993 und ich stehe mit meinem Auto mal wieder am Baseler Platz in Frankfurt und warte. Zwei meiner drei Fahrgäste habe ich bereits im Büro der Mitfahrzentrale aufgelesen, der dritte wird wohl hoffentlich bald da sein. Immer dasselbe, denke ich und beschließe ihm noch 10 Minuten zu geben, bevor ich losfahre.

Damals fiel so etwas natürlich noch nicht unter den Begriff „Shareconomy“, sondern hieß einfach nur „Mitfahrgelegenheit“. Es gab auch schon andere Phänomene, die heute unter Shareconomy subsummiert werden. Dazu gehören beispielsweise das Ausleihen von Bohrmaschinen, Studenten-Wohngemeinschaften, Kleinkredite an Freunde, Flohmärkte oder der Tausch von CDs. Das Phänomen des Teilens gibt es demzufolge schon lange, um zur Shareconomy zu werden, brauchte es das Internet. Denn im Netz ist es viel einfacher Anbieter und Nachfrager zusammenzuführen.

Mitteilen ist nicht dasselbe wie teilen
Wird deshalb gleich eine „Economy“ daraus, sprich verändert die Einbindung des Internets die Wirtschaft? Laut einer aktuellen Studie des BITKOM ist die Antwort: auf jeden Fall. Denn Shareconomy revolutioniere nicht nur die Wirtschaft, sondern auch die Gesellschaft. BITKOM führt das auf die Tatsache zurück, dass 83 Prozent aller Internetnutzer in Deutschland online digitale Inhalte „teilen“ (sprich veröffentlichen), die sie selbst erstellt oder im Web gefunden haben. Die gesellschaftlichen Auswirkungen dieses Phänomens sind unumstritten. Ob es wirtschaftliche Konsequenzen hat, halte ich aber abgesehen von der Veröffentlichung von Produktbewertungen und der Tatsache, dass heute so gut wie jeder Haushalt einen Internetanschluss hat, für zweifelhaft.

Verleihen und vermieten: so alt wie die Menschheit
Ein weiteres Argument des BITKOM ist, dass 17 Prozent der Befragten hin und wieder auch Dinge wie Autos, Werkzeuge oder ihre Wohnung mit Hilfe des Internets teilen würden (sprich verleihen oder vermieten). Um festzustellen, ob es sich dabei um die angekündigte Revolution handelt, müsste man ermitteln, wie stark diese Aktivitäten im Vergleich zu früher angestiegen sind. Dazu bräuchte man aber Vergleichszahlen, die es nicht gibt. Zumindest habe ich keine Statistiken darüber gefunden, wie häufig sich Nachbarn auch ohne Internet gegenseitig die Bohrmaschine, den Anhänger oder die Säge ausgeliehen haben oder wie viele Studenten-Wohngemeinschaften vor 20 Jahren existierten. Das liegt wahrscheinlich daran, dass diese Art des „Teilens“ über Kanäle wie persönliche und Telefongespräche, Kleinanzeigen, schwarze Bretter etc. lief, die man nicht messen konnte oder nicht gemessen hat. „Teilen“ über das Internet hingegen kann man sehr gut messen und deshalb erscheint es plötzlich so, als ob niemand mehr kauft und alle „teilen“.

Das Internet bringt Anbieter und Nachfrager über große Distanzen zusammen
Tatsache ist jedoch auch, dass es das Internet leichter macht, Anbieter und Nachfrager zusammenzubringen und es einen Bedarf für Sharing gibt. Das beweisen eine ganze Reihe von Unternehmen, die sich auf Shareconomy oder Collaborative Consumption (gemeinsame Nutzung) spezialisiert haben. Friendsurance hat eine Infografik erstellt, die einen Eindruck von diesem Wirtschaftszweig vermittelt, der übrigens weit über „teilen“ hinausgeht und auch Geschäftsmodelle wie Crowdfunding, Mikrokredite, Versicherungen und ähnliches umfasst. Das Online-Auktionshaus Ebay ist wahrscheinlich eines der größten und bekanntesten Unternehmen in dieser Übersicht, fällt aber laut BITKOM-Definition nicht unbedingt unter Shareconomy.

Das Internet als Plattform, um Menschen zusammenzubringen, ermöglicht also eine ganze Reihe neuer Geschäftsmodelle. Insofern verändert es die Wirtschaft tatsächlich. Wenn man allerdings genau hinsieht, ist die wirtschaftliche Bedeutung der Shareconomy noch relativ gering: Die in Deutschland bis Ende 2012 eingesammelten Fördergelder für Start-ups oder Projekte belaufen sich lediglich auf 2,4 Millionen Euro. Von der in der BITKOM-Studie Befragten nutzen 9 Prozent hin und wieder Bike-Sharing, 3 Prozent Car-Sharing. Der Rest der Bevölkerung bevorzugt das eigene Fortbewegungsmittel, leiht sich eins vom Nachbarn oder nimmt die Bahn. Die ist streng genommen auch eine Art von „Sharing“, wenn man den Car-Sharing-Gedanken zugrunde legt. Deshalb sollte man meiner Meinung nach genauer definieren, was der Economy-Anteil von Shareconomy ist. Darüber hinaus sollte man berücksichtigen, dass schon immer Infrastrukturen gemeinsam genutzt und Dinge verliehen und geliehen wurden, bevor man das Phänomen zur Revolution erklärt. Evolution fände ich in diesem Kontext angemessener.
 
Shareconomy-Begriff ist nicht klar definiert
In den kommenden Monaten wird es mit Sicherheit noch viele Diskussionen zum Thema geben, unter anderem deshalb, weil bei Shareconomy die Begriffe vermieten, verleihen, veröffentlichen und gemeinsam nutzen alle unter „teilen“ subsummiert werden. In Anlehnung an die oben erwähnte Infografik könnte man auch noch Crowdfunding und Crodwsourcing dazuzählen. Durch den neuen Oberbegriff entsteht der Eindruck, dass plötzlich alle nur noch „teilen“. Darüber hinaus werden unter Shareconomy sowohl gewerbliche als auch private Aktivitäten zusammengefasst. Das führt meiner Meinung nach in die Irre, weil die Motive und die wirtschaftlichen Auswirkungen jeweils andere sind. Haben Sie schon ein klares Bild von Shareconomy?

Über den Autor

Thomas Zeimentz
Thomas Zeimentz
Thomas Zeimentz erarbeitet als Experte für Digital Transformation zusammen mit seinen Kunden Wege, die neuen digitalen Möglichkeiten für Unternehmen erfolgreich umzusetzen. Er arbeitet bei Capgemini Consulting im Bereich Technology Transformation und beschäftigt sich hier vor allem mit den prozessualen und organisatorischen Herausfordungen der digitalen Transformation und ihrer Umsetzung.

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